Eugen Brand : Lasst uns handeln !
Editorial Revue Quart Monde Nr. 211 (August 2009)

Mis à jour le jeudi 19 novembre 2009.

Autor : Eugen Brand Letzten Juni hatte ich nach langer Zeit wieder einmal die Gelegenheit, eine Woche in der Schweiz zu verbringen, wo ich die Mitglieder der Bewegung ATD Vierte Welt meines Landes und einige Vertreter der Politik treffen wollte. Bewegt fand ich mich vor dem Basler Rathaus ein, um den Stadtpräsidenten zu treffen. Basel – die Stadt, in die ich als junger Volontär der Bewegung ATD Vierte Welt geschickt wurde, um einen Ort der Begegnung und des Wissensaustauschs zu schaffen, ein „Atelier für schöpferisches Lernen und Gestalten“ in der Notsiedlung Rosenau.

Das Basler Rathaus ist ein beeindruckendes Gebäude aus rotem Sandstein, mit prächtigen Wandmalereien und alten Inschriften an den Wänden. Als ich meinen Blick die Mauern entlang gleiten lasse, entdecke ich verblüfft einen Spruch, der ungefähr Folgendes aussagt : „Die Armen können nicht mit ihrem Geld umgehen. Nimm dich in Acht, sonst werden sie dich und dein Geld aufzehren...“

Dreissig Jahre zuvor hatte ich dieselbe Schwelle mit einem flauen Gefühl im Magen überschritten – ich fürchtete, dies werde mein letzter Besuch sein. Es handelte sich um eine Strittigkeit mit der Stadtbehörde. Das Atelier, mit seiner Bibliothek und seinen Werkstätten für Malen, Gestalten und Dichten, das am Rande der Notsiedlung lag, wurde auch von den Kindern besucht, die im Sozialwohnungsquartier auf der anderen Strassenseite lebten. Es diente als Brücke zwischen zwei Gemeinschaften, die kaum je zusammenkamen, obwohl sie beide sehr stark von sozialer Ausgrenzung betroffen waren. Aber die damaligen Reglemente der Stadtbehörde verboten uns offiziell, mit den Familien von gegenüber Kontakt zu pflegen.

Als ich heute den Stadtpräsidenten traf, der als Medizinstudent noch bei unseren Strassenbibliotheken mithalf, erzählte er mir, er sei glücklich über den Ausbau der städtischen Subvention zu einer dauerhaften Unterstützung der Bewegung ATD Vierte Welt, die in ständiger Bemühung, die Ausgegrenzten zu erreichen, über die administrativen Grenzen hinausgeht. Es handle sich nicht mehr allein darum, ein auf ein Quartier begrenztes Freizeit- oder Integrationsprojekt zu unterstützen, sondern eine Dynamik von Engagements, die darauf zielt, jene wieder in den Dialog mit den Stadteinwohnern aufzunehmen, die heute noch davon ausgeschlossen sind. Als Stadtpräsident wie als Arzt zeigte er sich sehr betroffen, dass von den dreissig Kindern, die zum Aufbau des Ateliers in der Rosenau beigetragen haben, acht inzwischen Opfer der Armut geworden sind. Er schlug vor, dass sich am 17. Oktober 2009, dem „Welttag zur Überwindung der Armut“, alle Bürger der Stadt vor dem Rathaus auf dem Marktplatz zu einem Austausch begegnen sollten. Einen Augenblick lang geriet ich ins Träumen : Was, wenn zum Anlass dieses Tages Botschaften in die Mauern eingeritzt würden, die die Geschichte richtig stellen und gleiche Würde für alle garantierten ?

Während ich ihm zuhörte, musste ich wieder an Frau Balmer denken, die ich am Vortag besucht hatte. Ihr Ehemann ist verstorben. Wir haben lange über ihre Söhne Markus und Thomas gesprochen. Markus war das erste Kind, das ich vor dreissig Jahren in dieser Basler Notsiedlung getroffen habe. Als er mich kommen sah, fuhr er mich an : „Was willst du denn hier ?“ Als er sah, dass ich nach einer Erklärung suchte, um meine Anwesenheit zu rechtfertigen, sagte er : „Wenn du willst, helf ich dir.“ Im Atelier aber arteten die Begegnungen mit Markus oft aus : Bücher flogen durch die Luft und es hagelte Beschimpfungen. Dreissig Jahre später verrät mir seine Mutter, Markus habe am Abend nicht einschlafen können, ohne ihr von seinen Plänen für das Kulturzentrum zu erzählen. Ich war wie vor den Kopf gestossen. Das war nicht der Markus, den ich in Erinnerung hatte... Frau Balmer fährt fort : „Ständig denke ich an meine Buben, sie sind beide so jung gestorben. Die Gewalt da draussen hat sie mir weggenommen. Mein Mann hat sie geliebt, aber er hatte selber nie ein Familienleben gekannt. Die Institutionen, in denen er seine Kindheit und Jugend verbracht hat, bringen einem solches nicht bei. Jetzt habe ich Krebs ; schon bald wird man mich in ein Gemeinschaftsgrab legen.“ Nach einer langen Stille sagt sie : „Wie kann ich vor Gott treten, ich, die meinen Kindern kein anständiges Leben habe bieten können“.

In der Schweiz, einem Land mit dem Ruf, eine Demokratie zu sein, an welcher alle teilhaben können, einem Land, in dessen Verfassung verankert steht, „dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen“, in dieser Schweiz also, wie in allen anderen Ländern der Welt, erinnern uns Männer und Frauen daran, dass weder Demokratie noch Fortschritt möglich sind, ohne an die Erfahrung, den Mut und das Wissen derjenigen zu appellieren, deren Geschichte, manchmal schon seit Generationen, gezeichnet ist von all den Krisen, die diese Welt erschüttern.

Da wir in einer Zeit leben, in der wir unter der ungleichen Verteilung der Güter und des Geldes leiden ; lasst uns handeln, auf dass in der Verfassung jedes Landes geschrieben stehe : Angesichts der grossen Herausforderungen unserer Zeit ist es unsere heilige Pflicht zusammenzustehen.

Aus dem Französischen übersetzt von Simone Schütz, Lilian Dutoit, Andreas Papalini und Kathrin Haegler, November 2009