Eugen Brand : Der Preis für das Vertrauen
Editorial Revue Quart Monde Nr. 208 ( Dezember 2008)

Mis à jour le mardi 15 février 2011.

Autor : Eugen Brand

Auf den kleinen Märkten der Welt kaufen viele Menschen nicht mehr eine ganze Zwiebel, sondern nur noch einen Viertel. „Wie wird das enden ?“, fragen sie sich. Einerseits scheinen die nötigen Finanzen zugunsten einer globalen Landwirtschafts- und Ernährungspolitik oder einer Bildung für alle unerreichbar zu sein, andererseits werden Geldsummen in der Höhe von Hunderten Milliarden Dollar in das Gleichgewicht eines Systems investiert, das Ungleichheit, Ausgrenzung und Armut weiterbestehen lässt. Ist unsere Welt dabei, den UN-Millenniumszielen den Rücken zuzukehren ? Scheitert diese Welt am „Totalitarismus des Geldes“ ?

Weil sie bei den Gemüseverkäufern hoch verschuldet ist, geht Frau Orlando nicht mehr zum Markt. Wie viele andere legen sie und ihr Mann viele Kilometer zurück, um eine Arbeit, ein Medikament oder etwas zu essen für ihre Kinder zu finden. Wenn es heute nicht klappt, dann vielleicht morgen. „Wenn der Hunger zu stark wird“, erzählt sie, „lege ich mich am Strassenrand hin und versuche zu schlafen.“ An den Hungerrevolten wagten sich die Orlandos nicht zu beteiligen. Sie machen sich selber für die Unterernährung ihrer Kinder und den Tod von zweien von ihnen verantwortlich.

Die zahlreichen Finanz- und Wirtschaftsanalysen, die zurzeit versuchen, die Krise zu erklären und Lösungen zu liefern, helfen den Orlandos reichlich wenig. Millionen von Menschen mit krisengeschüttelter Vergangenheit geht es nicht anders. Die Erinnerungen, die Widerstandsfähigkeit und die Gedanken dieser Menschen sind von tragischen Schicksalen geprägt, doch diese verleihen ihnen wie allen besonders Armen einen einzigartigen und unersetzbaren Reichtum an Wissen. Ein Wissen, das uns lehrt, dass Vertrauen das stärkste und dauerhafteste Fundament der Gesellschaft ist, die Basis von allem, die wichtigste Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Und falls es ein zweites Bretton-Woods geben sollte, wie manche vorschlagen, so stünde die Frage des Vertrauens an erster Stelle.

Während unsere Gesellschaft von Partizipation spricht, folgt sie einem Leitgedanken, der manche Menschen diskriminiert, deren Ausschluss institutionalisiert und eine Gewalt legitimiert, die keine Rücksicht auf die verwundbarsten Glieder der Gesellschaft nimmt. Der Ausschluss der von Armut geplagten Bevölkerungsgruppen verwehrt diesen die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen Menschen einer fundamentalen Frage nachzugehen : „Wer sind wir ? Was möchten wir für die Unseren und mit den anderen erreichen ?“. Dieser Umstand verstösst gegen die Menschenrechte.

Menschen und Familien im Elend fordern uns auf, den Inhalt und die Interdependenz von Grundwerten wie Freiheit, Solidarität, Recht und Verantwortung zu überdenken. Diese Menschen fordern uns dazu auf, gemeinsam den Menschen und seine Entwicklung zu ergründen und dadurch unsere Nächsten, ihre Geschichten und Weltanschauungen, ihre Einzigartigkeit und ihren Wert als Menschen anzuerkennen.

Eine solche Zusammenarbeit würde ein Missverständnis aus der Welt schaffen : Familien und Personen, die in extremer Armut leben, sehnen sich nach Mitspracherecht, aber nicht nur im Rahmen von Projekten und im politischen Kampf gegen die Armut. Auch für die Zukunft ihrer Kinder und Jugendlichen wünschen sie sich, etwas zur Suche nach Lösungen beitragen zu können. Für eine Wirtschaft, die in Zukunft auf menschenwürdiger Arbeit aufbaut, für eine Ökologie, die den Planeten für zukünftige Generationen schützt und für ein Schulwesen, welches das Potenzial und die Integration eines jeden Kindes fördert. Nur wenn wir eine solche Partnerschaft realisieren können, erlangen wir die Weisheit und die Energie, die wir für eine „konsistente und zukunftsorientierte Weltpolitik“ benötigen, und mit deren Hilfe wir die grosse Armut ausrotten können. Dies ist der Preis, der für das Vertrauen zu zahlen ist. Die Ärmsten im Norden sowie auch im Süden sind für diese Kehrtwende auf uns angewiesen und rufen uns zu einer Einigung auf einen Vertrag auf, der das Primärziel verfolgt, alles Wissen gemeinsam zu verwalten, die Produktionskapazität des Geldes zu steigern, und zwar im Dienste der Befreiung der Ärmsten der Welt. Und um eine sichere Zukunft für alle Jugendlichen zu garantieren. Lassen wir uns nicht täuschen : Es ist keine Utopie, zu wollen, dass die Bürger und der Staat Wege finden, um eine effektive Beteiligung zu gewährleisten, die die Armen als Ansprechpartner für die Entwicklung aller politischen Bereiche etabliert. Dies ist eine Notwendigkeit, genau so existenziell wie die ökologischen Herausforderungen, die früher noch als Utopie eingeordnet wurden. Sich zusammenzutun, um sich gemeinsam mit den Armen dieser Welt den menschlichen Herausforderungen zu stellen, ist ein Muss für den Frieden.

Übersetzung : Shirin Amrad, Anina Bakshi, Jasmin Lienberger