Anne Monnet : Nachhaltige Armutsbekämpfung – eine Herausforderung
Revue Quart Monde Nr. 209 (Februar 2009), S. 54-57

Mis à jour le lundi 18 juillet 2011.

Unser Leben scheint vom Streben nach Wirtschaftlichkeit beherrscht zu sein. Gemäss der Autorin hat dies zur Folge, dass für die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter die Betreuung der Familien zur Formsache wird. Jeder Fall wird für sich betrachtet, die Arbeit erfolgt unter Zeitdruck und Lösungen müssen schnell gefunden werden. Dieser Praxis stellt die Autorin ein langfristig orientiertes Engagement entgegen, das nur dank der Zusammenarbeit mit Volontärinnen und Volontären realisierbar ist. Abschliessend erwähnt sie gegenwärtige Denkansätze, die für eine Verlangsamung des Lebensrhythmus und mehr Humanität plädieren.

Im Rahmen einer Diplomarbeit [1] an der Universität Tours (Frankreich) habe ich die Beziehung zwischen bedürftigen Familien und ihren Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern untersucht und anschliessend mit der Beziehung zwischen bedürftigen Familien und den Volontärinnen und Volontären von ATD Vierte Welt verglichen. Dabei haben sich zwei unterschiedliche Handlungsansätze herauskristallisiert : Beim ersten steht die Nachhaltigkeit im Vordergrund, beim zweiten hingegen die Dringlichkeit. Als Grundlage dienten mir Interviews sowie Aufzeichnungen von meiner Arbeit in New Orleans. Auf diese Weise war es möglich, die Erfahrungen in drei verschiedenen Ländern zu vergleichen : Frankreich, Schweiz und USA.

MOTIVATION

Ich komme vom Land und bin in einem kleinen Dorf in den Bergen gross geworden, wo die Jahreszeiten den Rhythmus bestimmten. Die ländliche Kultur ist stark vom Respekt im Umgang mit der Natur geprägt. Gleichzeitig ist es unerlässlich, effizient zu arbeiten und der Natur alles abzuverlangen, denn die Erde bringt wenig hervor und erlaubt keine Verschwendung – weder bei der Ernte, beim Arbeitsaufwand noch bei der zur Verfügung stehenden Zeit.

In der urbanen Kultur unserer heutigen Gesellschaft verändert sich alles sehr schnell. Jede Sekunde zählt. Unser Leben ist so ausgerichtet, dass wir keine Minute verschwenden und das Resultat unserer Arbeit umgehend ersichtlich ist. Wir erleben dies tagtäglich im Berufsleben, in der Freizeit oder ganz einfach im Umgang mit unseren Mitmenschen. Während meiner 20-jährigen Tätigkeit als Volontärin wurde mir bewusst, dass die heute verbreitete Praxis im Sozialdienst nicht den Bedürfnissen und Wünschen der in grosser Armut lebenden Familien entspricht. Ich musste feststellen, dass sich der ständige Zeit- und Leistungsdruck unserer Gesellschaft auch auf den Kampf gegen die Armut auswirkt.

Dies hat mich veranlasst, die verschiedenen Methoden der Armutsbekämpfung unter Berücksichtigung der Faktoren Effizienz und Zeit zu untersuchen.

VORGEHENSWEISE

Ich habe fünf Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter zu ihrer Tätigkeit befragt. Zwei arbeiten in staatlichen Institutionen in der Schweiz und Frankreich, die drei anderen sind für Hilfswerke in der Schweiz tätig. Anschliessend habe ich die Interviews analysiert und die Ergebnisse mit den Aufzeichnungen aus meinem 5-jährigen Aufenthalt in New Orleans verglichen. Dabei habe ich die Arbeitspraxis der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie meine eigenen Erfahrungen vor dem Hintergrund dreier Konzepte beleuchtet. Konkret stützte ich mich auf :
- 1. die Interaktion der drei Erkenntnisinteressen nach Habermas
- 2. die Begriffe „Vorschrift“ und „Realität“
- 3. die Begriffe „Individuum“ und „Kollektiv“

Die von Habermas definierten Erkenntnisinteressen veranschaulichen die Dynamik und den stetigen Wandel im Bereich der sozialen Arbeit sehr gut. Dazu gehören :
- das technische Erkenntnisinteresse, das sich auf die Institution, die Struktur bezieht
- das praktische Erkenntnisinteresse, das sich auf die Interaktion innerhalb der Gruppe bezieht
- das emanzipatorische Erkenntnisinteresse, das sich auf die Emanzipation des Individuums bezieht

UNTERSCHIEDLICHE HANDLUNGSANSÄTZE

Die oben beschriebenen Interessen stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern interagieren miteinander. Die Handlungsansätze im Bereich der sozialen Arbeit bewegen sich zwischen diesen drei Interessen und nähern sich je nach Zielsetzung einmal mehr dem einen oder anderen Interesse an.

Die Tätigkeit der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter liegt meistens zwischen dem technischen und dem praktischen Erkenntnisinteresse und bewegt sich je nach Situation und Handlungsspielraum einmal mehr auf das eine, dann wieder auf das andere zu. Wie gross dieser Handlungsspielraum ist, hängt davon ab, wie sehr die Mitarbeitenden dazu angehalten werden, rasche und konkrete Ergebnisse abzuliefern.

Was die Volontärinnen und Volontäre von ATD Vierte Welt betrifft, so ist ihre Arbeit eher zwischen dem praktischen und dem emanzipatorischen Erkenntnisinteresse angesiedelt. Sie bauen eine Beziehung zu Menschen in Not auf, um ihnen einen Weg aus der Armut aufzuzeigen und ein eigenständiges Leben zu ermöglichen. Es liegt auf der Hand, dass dies nur gelingen kann, wenn nicht nur das Individuum, sondern auch sein persönliches Umfeld mit einbezogen wird, was dem praktischen Erkenntnisinteresse entspricht.

Anschliessend habe ich die soziale Arbeit unter den Aspekten der Vorschrift (vorgegebene Arbeitsweise) und der Praxis (tatsächlich geleistete Arbeit) untersucht.

Die Vorschriften sind für die Arbeitsweise der Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen massgebend, vor allem für diejenigen, die im öffentlichen Sektor arbeiten, da sie dort strikteren Vorgaben unterstehen. Die reale Situation der bedürftigen Personen muss mit den vorgegebenen Richtlinien vereinbart werden, was für die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen eine schwierige Aufgabe ist.

Bei der Bewegung ATD Vierte Welt sind die Vorschriften eher allgemein gehalten. Sie sind als Grundlagen der Bewegung zu verstehen und lassen der Praxis deshalb viel Raum. Da die Arbeit hauptsächlich der realen Lebenssituation der bedürftigen Personen angepasst wird, sind die verwendeten Methoden besonders flexibel und lassen einen grossen Handlungsspielraum.

Der dritte Teil der Untersuchung befasst sich mit den Begriffen des Individualismus bzw. Kollektivismus. Diesbezüglich konnte ich im Kontext unserer stark individualisierten Gesellschaft den grössten Unterschied zwischen der Arbeitsweise der Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen und der Volontären und Volontärinnen der Bewegung ATD Vierte Welt feststellen.

Ähnlich wie in der Medizin geht die Sozialarbeit die Armut von Fall zu Fall an : Eine Diagnose wird gestellt, eine Prognose abgegeben und mit den verfügbaren Mitteln nach einer Lösung gesucht. Man spricht auch von einer Übertechnisierung der Sozialarbeit, denn die heutige Sozialhilfe ist von einer therapeutischen Vorgehensweise geprägt, weil sie verpflichtet ist, für jeden Fall auch eine Lösung zu finden. Diese fast klinische Herangehensweise führt nicht nur zu einer Individualisierung der Armut, sondern auch zu einer Institutionalisierung der Lösungen. Die Zuständigkeit liegt somit nicht mehr beim einzelnen Mitarbeitenden, sondern bei den Institutionen und den Organisationen selber.

Dies führt dazu, dass Effizienz das Hauptziel der Sozialarbeit ist und dass Fälle, für die nicht sofort eine Lösung vorliegt, an andere Spezialisten wie Psychologen oder Psychiater abgeschoben werden.

Im Gegensatz zu dieser „Fall zu Fall“-Vorgehensweise haben die Volontäre und Volontärinnen der Bewegung ATD Vierte Welt die Aufgabe, die bedürftigen Familien in eine soziale Gemeinschaftsdynamik einzubinden. Dies ermöglicht den Betroffenen eine positive Sichtweise, die sich nicht auf die jeweiligen sozialen Probleme, sondern auf die Person als Ganzes bezieht.

Selbstverständlich ist dies aber keine Zauberformel, die in jeder Situation zu einer Lösung führt. Es kann vorkommen, dass die Probleme in einer Familie überhandnehmen, dass sich Türen schliessen und der Dialog unterbrochen wird. Dies führt dazu, dass die Situation neu betrachtet werden muss, obwohl man versucht, ungeachtet der persönlichen Beziehung Abstand zu halten. Auch ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber den anhaltenden Missständen und ihren Auswirkungen ist die Folge. Ausweglos ist diese Ohnmacht allerdings nicht, denn die Beziehungen sind in einer Gemeinschaft verankert, die den Betroffenen Halt gibt. Man könnte daher von einer Effizienz sprechen, die darin besteht, dass man sich nicht entmutigen lässt, nicht vor seinen Problemen davonläuft und die Hoffnung nicht aufgibt.

KURZ- BZW. LANGFRISTIGE EFFIZIENZ

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass soziale Arbeit durch verschiedene Arten von Effizienz charakterisiert wird und deshalb abhängig ist von unterschiedlichen kurz- oder langfristigen Zielen.

Die Ziele der Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, vor allem derjenigen des öffentlichen Sektors, bestehen darin, die unmittelbaren Bedürfnisse der betroffenen Personen zu befriedigen. Die Armut wird also kurzfristig betrachtet und die Arbeitsweise richtet sich nach den vom System verlangten Zielen. Wenn die Armut jedoch als langfristiges Problem betrachtet wird, ist die Effizienz der Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen weniger ersichtlich : Die Situation der Betroffenen verbessert sich zwar teilweise auf individueller Ebene, doch die allgemeine Lage bleibt quasi unverändert.

Die Art, wie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter im privaten Sektor agieren, gleicht der Herangehensweise im öffentlichen Sektor : Beide Ansätze zeichnen sich durch ein auf Individuen fokussiertes, kurzfristig orientiertes Engagement aus. Im Privatsektor kann aber gleichzeitig von der Dynamik von Gemeinschaftsprojekten profitiert werden. Ausserdem ist dort der Druck, sofort Ergebnisse präsentieren zu müssen, viel kleiner, was mehr Handlungsfreiheit zulässt.

Die hauptamtlichen Volontärinnen und Volontäre von ATD Vierte Welt arbeiten mit langfristigen Zielen. Die Vision besteht darin, durch einen gesellschaftlichen Umschwung Armut endgültig zu beseitigen. Das kurzfristige Ziel ist daher nicht, sofort auf dringendste Bedürfnisse zu reagieren, sondern mit Hilfe von Gemeinschaftsprojekten eine emanzipatorische Beziehung zu den in Armut lebenden Menschen aufzubauen. Natürlich werden die unmittelbaren Bedürfnisse nicht einfach ignoriert : Um sie zu berücksichtigen, begleiten die Volontärinnen und Volontäre die Betroffenen und stützen sich dabei auf bereits bestehende Strukturen. Diese Massnahmen stehen im Einklang mit der Gesamtvision, welche die Gesellschaft auf lange Sicht verändern will.

FÜR MEHR MENSCHENWÜRDE

Die Bewegung ATD Vierte Welt setzt eher auf verstärktes Engagement der Menschen als auf soziale Einrichtungen. Und das Engagement eines jeden Einzelnen zählt, egal ob arm oder reich. Diese Strategie mag besonders heute, in einer Zeit, in der einzig sofortige und messbare Ergebnisse zählen, vage und chaotisch erscheinen.

Père Joseph Wresinski, Gründer von ATD Vierte Welt, sprach im Jahr 1975 vom „nicht leicht einzuordnenden Charakter“ von ATD. Denn die Organisation zeichne sich nicht durch festgelegte Hilfe- oder Handlungsformen aus, sondern durch ihre Verbundenheit mit einer bestimmten Bevölkerung, ihre Solidarität mit konkreten Menschen. [2]

Er fügt an, dass der Grundsatz der Bewegung, den Ärmsten höchste Priorität einzuräumen, von der Vorstellung von Effizienz abweiche. Denn es wäre tatsächlich „rentabler“, jene Menschen zu unterstützen, die sofort von der Hilfe profitieren, als wieder und wieder zu versuchen, die Bedürftigsten zu erreichen. Laut Joseph Wresinski bedeutet diese Selektion aber ein enormes Leiden für Menschen, die bereits von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Einen noch schlimmeren Schmerz würden diese Menschen damit durch die Ausgrenzung aus ihrem eigenen sozialen Umfeld erfahren.

ATD Vierte Welt will nicht einige von den Bedürftigen auswählen und nur ihnen einen sozialen Aufstieg ermöglichen. Denn damit würden jene weiter geschwächt, die auf einer noch tieferen gesellschaftlichen Stufe stehen. ATD Vierte Welt versucht stattdessen die Ärmsten über die Stärkeren und Tatkräftigeren zu erreichen. Ziel ist es, in letzteren Solidarität zu wecken, damit alle gemeinsam voranschreiten können. Solidarität heisst nicht nur, dass sich die armen Menschen gegenseitig helfen. Solidarität heisst auch, dass sich alle Bürgerinnen und Bürger – egal aus welcher Gesellschaftsschicht – in der Armutsbekämpfung engagieren. Ein Appell, mit dem sich die Bewegung ATD Vierte Welt seit ihrer Gründung im Jahr 1957 an die Gesellschaft wendet : In jener Zeit schwamm Joseph Wresinski gegen den Strom, als er versuchte, die gesamte Gesellschaft im Kampf gegen die Ungerechtigkeit von Not und Elend zu mobilisieren. Er rief Politiker, Intellektuelle und Wissenschaftler zu mehr Solidarität auf, denn er lehnte die Auffassung ab, dass die Armutsbekämpfung alleinige Sache von einigen Spezialisten des „Sozialen“ ist.

Während unsere Gesellschaft immer noch im Effizienzwahn und im Streben nach schnellen Lösungen gefangen ist, werden vermehrt Stimmen laut, die mehr Menschlichkeit, mehr Gerechtigkeit und mehr Solidarität fordern. Da und dort entstehen Denkschulen, die der sozialen Interaktion mehr Bedeutung beimessen und eine Entschleunigung unseres Lebensrhythmus fordern. Für mich sind diese Ideologien – die sich nicht zwingend auf den Kampf gegen die Armut beschränken – Zeichen einer Öffnung hin zu einer Gesellschaft, die jeden Menschen respektiert.

Diese Ideologien, die der Menschenwürde mehr Respekt entgegenbringen, bergen Dynamiken in sich, die das gesellschaftliche Projekt von ATD Vierte Welt unterstützen könnten.

Über die Autorin :

Die Schweizerin Anne Monnet, hauptamtliche Volontärin von ATD Vierte Welt seit 1987, verbrachte fünf Jahre in New Orleans (USA) und unterstützte dort Familien in grosser Armut. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz arbeitete sie als Sekretärin in einer Organisation, die diverse Projekte mit Migrantinnen und Migranten durchführt. Von Mai 2006 bis Oktober 2008 absolvierte sie zusammen mit 12 anderen hauptamtlichen Volontärinnen und Volontäre von ATD Vierte Welt ein Studium an der Universität François Rabelais in Tours, das zum Diplôme universitaire de hautes études en pratique sociale (DUHEPS) führte.

Aus dem Französischen übersetzt von Eliane Bächtiger, Florence Blanc, Anina Kurth, Suzel Roux (Teil 1) ; Sima Tayeban Hamedani, Nina Spielhofer, Lisa Sturzenegger (Teil 2) ; Ines Dasen, Manuela Gnägi, Marion Gubler (Teil 3).

Bitte diesen Artikel wie folgt zitieren :

Anne Monnet (2009) : Nachhaltige Armutsbekämpfung – eine Herausforderung. [Originalversion : Efficacité et temporalité. Revue Quart Monde, N°209 – Les droits de l’enfant en action]. http://www.revuequartmonde.org

[1] Anne Monnet, Efficacité et temporalité dans la lutte contre la pauvreté, étude comparée de quelques pratiques dans différents secteurs d’activité, DUHEPS Tours – ATD Quart Monde 2008.

[2] Französisches Original : Igloos Nr. 84 (1975)