Anne-Claire Brand : Wie lässt sich Geschehenes ungeschehen machen ?
Revue Quart Monde Nr. 226 (mai 2013)

Mis à jour le jeudi 4 juillet 2013.

Autorin : Anne-Claire Chatton Brand

Lebenslauf : Anne-Claire Brand ist seit 1976 Langzeitvolontärin bei ATD Vierte Welt und hat im Internationalen Joseph Wresinski Zentrum in Baillet-en-France (Frankreich) an der Vorbereitung und Umsetzung des Forschungsprojekts "Armut-Gewalt-Frieden" (2008-2012)2 mitgearbeitet. Gegenwärtig lebt sie in der Schweiz, ihrem Herkunftsland.

Vorspann : In der Schweiz hat die Regierung die Opfer fürsorgerischer Zwangsmaßnahmen um Entschuldigung gebeten. Die Verfasserin wertet diese Anerkennung als einen ersten, unverzichtbaren Schritt zu einer Neudefinierung der Grundlagen des Zusammenlebens in ihrem Land.

"Sie haben keine Schuld an dem, was Sie erlitten haben.… Für das Leid, das Ihnen angetan wurde, bitte ich Sie im Namen der Landesregierung aufrichtig und von ganzem Herzen um Entschuldigung." An wen richtete Bundesrätin Simonetta Sommaruga, Vorsteherin des Justiz- und Polizeidepartements, diese Worte am 11. April 2013, an welche Männer, welche Frauen, denen seit eh und je die Schuld für ihre Lage zugewiesen wird und bei denen man sich - zum ersten Mal und offiziell – entschuldigt ?

Eine Anerkennung

"Bis weit in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurden in der Schweiz Kinder und junge Menschen gegen ihren Willen von Amtes wegen und oft auch mit dem Einverständnis der Kirchen in Heimen oder auf Bauernhöfen fremdplatziert. Dies, weil sie aus armen Verhältnissen stammten, weil sie uneheliche Kinder waren, in schwierigen Familienverhältnissen aufwuchsen, weil sie selber als so genannt „schwierig“ galten oder unbequem und aufmüpfig waren. Vielen dieser jungen Menschen ist dabei grosses Leid widerfahren, das ihr Leben bis auf den heutigen Tag prägt. Als Verdingkinder wurden sie auf Bauernhöfen ausgebeutet oder in Heimen und Erziehungsanstalten physisch und psychisch misshandelt. Andere wurden in psychiatrische Anstalten oder ins Gefängnis eingewiesen, ohne dass sie sich rechtlich gegen diese Massnahme wehren konnten. In manchen Fällen kam es zudem zu Zwangssterilisationen und Zwangsadoptionen."3 Stellt diese offizielle Medienmitteilung in der Folge des 11. April nicht ebenfalls einen Akt der geschichtlichen Anerkennung dar ? Ich bin jetzt seit sechs Monaten zurück in meinen Land und ich bin davon sehr beeindruckt. Vor dreißig Jahren, in den 70er und 80er Jahren, wenn ich mich als Primarlehrerin bemühte, in der Schule Verständnis für die Lebensumstände bestimmter Kinder zu wecken, und dann, wenn ich als junge Volontärin von diesen Realitäten sprach, wie oft war ich da sprachlos, wenn meine Landsleute behaupteten : "Sie importieren die Armut aus Frankreich !"

Die richtigen Worte wagen

An diesem 11. April hatten unter den Tausenden der von diesen Geschehnissen betroffenen Personen sechshundert den Weg zur Bundesregierung in Bern "gefunden". Es brauchte Mut dazu, denn das erlebte Leid und Unrecht verfolgt viele bis heute. Von diesen Personen wurde der Gedenkakt eröffnet : "Doch auch jetzt liess mich diese erlebte Schreckenszeit nicht los, ich konnte mit niemandem über meine Vergangenheit reden, die ständige Angst, dass alles von vorne anfängt, war immer da. (...) Der Satz, welchen ich immer wieder hörte und mir für immer in Erinnerung geblieben ist, war : ’Us dir gits nüt, du bisch sowieso am Tüfel ab em Charre gheit" (…) Natürlich musste ich schweigen, er drohte mir jeweils, mich sonst grün und blau zu schlagen, und immer wieder tat er es auch trotz meinem Stillschweigen. Uns Verdingkinder hat man leiden lassen und uns jegliche Würde und jegliches Selbstwertgefühl genommen, obwohl genau bekannt war, was wir erdulden mussten. Ich habe mich sehr oft gefragt, warum uns kein Mensch geholfen hat. So viele wussten von unserem Schicksal und schwiegen, aber WARUM ?... Waren wir wirklich schlechter als alle anderen ?" 4

Wir müssen es wagen, das Unnennbare zu benennen, all das, was man zu lange in sich verschüttet gelassen hat ; diese Personen haben von Gräueltaten, von Staatsverbrechen, Folter und Sklaverei gesprochen, aber auch von ihrer Absage an das Schweigen, von ihrem Warten darauf, dass der Staat den ersten Schritt tut, von dem Recht auf Anerkennung ihres eigenen Wissens, damit solches nie wieder vorkommt. Ihre Worte treffen sich im tiefsten Kern mit denen all jener überall auf der Welt, die aufgezeigt haben, wie dringlich es ist, das Schweigen über die mit Armut und sozialer Ausgrenzung verbundene Gewalt zu brechen, um einen echten Frieden mit allen aufzubauen. 5

Alle betroffen

Die Justizministerin hat die Bezeichnung "Betroffene", die allzu oft nur auf die Opfer angewandt wird, umgedreht, um alle Bürger zur Betroffenheit und zum Handeln aufzurufen. "Wir können nicht länger wegschauen. … Die Aussage einer Betroffenen geht mir nicht aus dem Kopf. Sie erklärte, noch heute überkomme sie ein Gefühl der Enge und Beklemmung, wenn sie durch das Dorf gehe, in dem so Vieles geschah. Aber nicht wegen dem Leid, das ihr angetan wurde. Sondern weil niemand im ganzen Dorf sie nach ihrem Schicksal fragte, weil niemand wissen wollte, wie es ihr ging und wie es um sie stand. Es geht hier also nicht nur um Opfer und Täter. Es geht um uns alle. Denn Wegschauen ist auch eine Handlung."

Es bedarf solcher Räume der Begegnung und der Suche, wo eine jede und ein jeder zum Akteur und Mitverantwortlichen wird, um den in Armut lebenden Menschen die Möglichkeit zu sichern, nicht nur Zeugnis von ihrem Schicksal abzulegen, sondern auch ihre Intelligenz und ihr Wissen, die viel zu lange verschüttet waren und ignoriert wurden, zum Ausdruck zu bringen. Vertreter der Behörden, der Kirchen, des Schweizerischen Bauernverbandes und sozialer Institutionen haben ebenfalls ihre Scham ausgedrückt und deutlich gemacht, wie schwer es ihnen fiel, die richtigen Worte zu finden, "denn kein Wort, und möge es noch so gut gewählt sein, kann ungeschehen machen, was geschehen ist."

Die Notwendigkeit einer historischen Aufarbeitung

Ein solches Treffen hätte nicht stattgefunden, wenn ehemalige Heim- und Verdingkinder nicht das Schweigen gebrochen hätten, obwohl sie wussten, welchem Widerstand und welcher Verachtung sie sich damit aussetzten, denn allzu lange wurden sie nicht gehört. So die Familien, die sich vor 30 Jahren an der Abfassung des Buches "Schweizer ohne Namen"6 beteiligten, um die Geschichte und den Kampf der Ärmsten des Landes ans Tageslicht zu bringen. So auch Louisette Buchard7, die seit 1979 mehrmals in Hungerstreik trat, um vom Staat die Aufarbeitung dieser Realität der Schweizer Geschichte zu erreichen : "Lieber verhungern als schweigen", sagte sie. Eine Ausstellung, "Verdingkinder reden"8, reist seit 2009 durch die Schweiz und hat bereits fünf Kantonsregierungen veranlasst, um Entschuldigung zu bitten.

"Dieser Gedenkanlass ist kein Abschluss, sondern der Anfang einer umfassenden Auseinandersetzung mit einem dunklen Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte", versprach die Bundesrätin. Um diese Geschichte aufzuarbeiten und die Lehren daraus zu ziehen, muss darauf geachtet werden, dass zum Blick von Zeitzeugen, Wissenschaftlern und politischen Akteuren auch die Sicht jener Menschen hinzukommt, die heute noch in grosser Armut leben und einseitig beschlossene Fremdplatzierungen ihrer Kinder hinnehmen müssen. 9

Es wird eine neue Seite geschrieben, die das Land zwingt, sich mit seiner Geschichte und der sich daraus ergebenden Verantwortung für das Zusammenleben von heute und morgen auseinanderzusetzen. Es gilt auch umzusetzen, was die Bundesverfassung in ihrer Präambel erklärt, "…dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen."