Eugen Brand : Begegnungspunkte
Editorial Revue Quart Monde Nr. 192 (2004)

Mis à jour le jeudi 17 novembre 2005.

Autor : Eugen Brand Während des Sommers hatte ich das Vergnügen, in mein Heimattal im Berner Oberland zrückzukehren. Ein Tal, so zurückgezogen, isoliert und verlassen, dass man es früher das „Tal hinter dem Mond“ nannte. Eine beliebte Touristenstation, die sich ganz in der Nähe entwickelt hat, zieht eine beträchtliche Menschenmenge an. Die Gegend ist umgekrempelt worden und von den bescheidensten Bauern sind viele unter manchmal dramatischen Umständen verschwunden.

In meiner Heimat, in der ich gerne wandere, wagte ich mich dieses Jahr mit meiner Frau und meinen Kindern auf einen der steilsten Hänge des Tals. Wir waren begeistert von der Stille und der klaren Luft. Auf dem Pfad, der sich längs der Kämme schlängelt, stand uns plötzlich ein Hund im Weg, der uns durch sein gesträubtes Fell zu verstehen gab, dass wir besser Abstand halten oder umkehren sollten. Dann erschien ein Mann, der ihn durch einen einfachen Befehl beruhigte. Als ich ihn anschaute, erblickte ich im Hintergrund eine kleine, am Felsen angebaute Hütte, eine Art dürftige Schäferei, ohne jegliche Einrichtung. Unsere Blicke kreuzten sich und er musterte mich irritiert : „Wer bist denn du ?“ Ich musste wohl aus dem Tal sein, aber er war sich nicht sicher. Ich sagte ihm, woher ich kam, und von da an nannte er mich beim Namen. Er lud uns zu einer Tasse Ziegenmilch ein. Beim Trinken liess er uns nicht aus den Augen. Als er bemerkte, dass eine Fliege in die Tasse meines Sohnes gelangt war, rief er seinen Hund und warf ihm gekonnt nur den von der Fliege betroffenen Teil der Milch zu. Dann füllte er die Tasse erneut.

Nach und nach wurden Erinnerungen wach. Das Gesicht seines jüngeren Bruder kam mir in den Sinn, Ferdinand, ein sehr geschickter, feiner Junge, der im Wald gearbeitet hatte. Eines Tages hatte das Gewicht eines Baumes sein Bein gebrochen und von da an war er gelähmt gewesen. Einige Zeit später hatte er sich das Leben genommen.

Das Gespräch ging weiter. Durch Rolands Erzählungen tauchte ich mit einer ganz neuen Perspektive in meine Kindheit und die Geschichte meiner Familie und meines Tals ein. Kurz zuvor hatte ein Offizier aus der Region bei ihm Halt gemacht. Dieser hatte ihm lange von den Entdeckungen berichtet, die er im Laufe seiner Gebirgsmanöver gemacht hatte. Er hatte gesagt, er sei schockiert, dass in einem solch entwickelten Land Tiere so misshandelt würden. Roland hatte sich nicht getraut ihm klarzumachen, dass er und seine Angehörigen schlimmer behandelt worden waren als Tiere. Er hatte es nicht gewagt, ihm von der Schokoladentafel zu erzählen, die ihnen in seiner Kindheit wie Tieren zugeschmissen worden war, und die einen Streit unter Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen entfacht hatte. Nach und nach teilte Roland uns seinen Lebenslauf mit : Er hatte geheiratet, hatte Kinder bekommen und war wieder ins Tal zurückgekehrt, aus dem man ihn verjagt hatte, weil man ihn verdächtigte, ein Bauernhaus angezündet zu haben. Manchmal hatte er laut ausgerufen, um seine Kinder zu verteidigen. Seine Frau war erkrankt, und er hatte sie lang gepflegt.

Aus seinem Munde kamen die gleichen Worte wie ich sie schon in Créteil, New York, La Paz, und anderswo gehört hatte, aber diesmal im Dialekt meines Tales. „Du wirst nicht nur gedemütigt, alles, was du in dir trägst, wird verbannt. Das ist, was dich so hart, gehässig und neidisch macht... und es ist das, was dich am meisten leiden lässt.“ Nach und nach verband Rolands Erzählung meine Kindheit mit meinem früheren und heutigen Engagement. Wie der Berg, der die Sicht erweitert, entfaltete er eindrücklich die Herausforderungen unserer Zeit : Auf der einen Seite die Rede von wirtschaftlicher Entwicklung und Wachstum, auf der anderen Seite die Rede von den Menschenrechten, ohne dass es jemals zu einer Begegnung kommt. Roland gegenüber suchte ich meine Worte : „Was Sie da sagen, das ist das gleiche, was so viele Familien überall erleben.“ Und er, ohne zu zögern : „Ich danke dir, dass du diese Frage auf den Tisch bringst.“ Er schwieg einen Moment. Ich sehe noch seine Augen vor mir, als er fortfuhr : „Ich weiss, dass das Elend noch lange kein Ende hat. Als ich Saisonarbeiter war, habe ich ja gesehen, dass es auch anderswo erlebt wird.“ Er richtete sich auf, rückte lächend sein Beret zurecht und sprach weiter : „Mein grösstes Glück wäre es zu reisen um zu verstehen, wie die Leute leben. So möchte ich gerne lernen.“ Er erklärte uns, dass er seinen Kindern von diesen Sachen erzählt habe, damit sie nie vergässen, woher sie kämen. Ich dachte an die, die ihre Geschichten schreiben, und auch an die, die uns verlassen haben, bevor wir das Wertvolle ihres Lebens und ihrer Gedanken haben sammeln können. „Ans Schreiben haben Sie nie gedacht ?“ „Ich habe einige Kleinigkeiten, die ich für meine Kinder geschrieben habe.“ Und nach einem Moment Stille : „Es gibt Dinge, die man nicht sagen kann.“

Nachdem wir uns von Roland verabschiedet hatten, wanderten wir in Stille hinunter. Ein Zitat von Joseph Wresinski ging mir durch den Kopf : „Das erste Menschenrecht ist es, ein Mensch unter allen Menschen zu sein.“

Auf den Pfaden des Tals mischte sich die Figur Rolands mit anderen : den Familien vom Trou-Poulet, im Val d’Oise, die von dem Grundstück verjagt werden sollen, auf dem sie schon seit dreissig Jahren wohnen, den Familien aus Bangkok, die nicht wissen, ob sie am Geburtsort ihrer Kinder bleiben dürfen, den Familien aus Lastic, in Frankreich, und viele Familien von anderswo. Sie alle führen uns drastisch vor Augen, wie die Unbeständigkeit unserer Geschwisterlichkeit unsere Fähigkeit, als Menschen miteinander zu leben, beschneidet.

Zurück im Tal trafen wir auf eine ganz andere Realität : Die Touristenmengen, eilende Menschen, die an einem Konzert des Yehhudi Menuhin-Festivals teilnehmen wollten, die Landwirte in ihren klimatisierten Traktoren. Wo ist der Treffpunkt dieser zwei Realitäten, doch beide in der gleichen Welt ? Wo ist der Begegnungspunkt zwischen Roland, der in einer Hütte am Rande des Kammes Zuflucht gefunden hat, und dem, was aus meinem Tal geworden ist ? Zwischen den Reichen und den Armen in jedem unserer Länder ? Zwischen den reichen und den armen Ländern des Planeten ? Wo sind sie in einer Welt, die, von Sicherheit besessen, krampfhaft sichtbare und unsichtbare Grenzen zwischen uns errichtet ?

Dieser Mensch im tiefen Tal hat mich wieder daran erinnert, dass die Menschheit ewig nach Begegnungspunkten sucht, weil sie ohne sie nicht leben kann. Wenn wir uns die Unsicherheit, in der Roland und die Seinen leben, zu eigen machen und sie mit ihnen zusammen in eine Sicherheit verwandeln, werden wir Begegnungspunkte finden. Dann wird nie mehr ein Mensch aus der Menschheitsgeschichte „verbannt werden mit allem, was er in sich trägt.“