Patrice Meyer-Bisch : Scham und Kultur
Revue Quart Monde Nr. 196 (2005), S.50-54

Mis à jour le mardi 23 mai 2006.

„Die Angst vor dem Fremden ist der Gewissheit gewichen, dass die Menschen in ihrer Vielfalt gemeinsam mehr erreichen.“ Was rechtfertigte diesen Optimismus von Père Joseph in seinem Beitrag zum Kolloquium „Kultur und Armut“ im Jahr 1985 ? [1] Seine visionären Worte sind vermutlich heute begreiflicher, seitdem die Unesco im November 2001 die Allgemeine Erklärung über die kulturelle Vielfalt und deren Aktionsplan verabschiedet hat. Die Menschenrechtsbewegungen sind empfänglicher für die Bedeutung der kulturellen Vielfalt und der damit verbundenen Rechte im Kampf für die allgemeinen Menschenrechte. Die Kraft der Kultur führt unbestreitbar zu jenem optimistischen Vertrauen in die Würde des Menschen, die nicht mehr nur als zu hütender Schatz, sondern als Ursprung aller Fähigkeiten verstanden wird. „Kultur ist Priorität. Sie ermöglicht es, die menschliche Ausgrenzung noch radikaler zu hinterfragen, als es beim Zugang zum Recht auf Wohnung, auf Arbeit, auf Existenzssicherung oder auf Gesundheit möglich wäre. Man könnte meinen, dass der Zugang zu diesen weiteren Rechten unumgänglich wird, wenn das Recht auf Kultur anerkannt wird.“ [2] Die Anerkennung der kulturellen Rechte dient als der Hebel, der es den Ärmsten ermöglicht, mit ihren eigenen Händen die Verwirklichung ihrer Rechte in Angriff zu nehmen : jede Kultur bedingt Zusammenhalt und Versöhnung mit sich und mit andern. Nur die Erfahrung großer Armut erlaubt, die Tiefgründigkeit eines Rechts auf Kultur in seiner ganzen Tiefe wahrzunehmen. Zweifelsohne auch deshalb, weil jede kulturelle Erfahrung auch eine existentielle Erfahrung ist, wie die Erfahrung von Armut.

Diesem berechtigten Optimismus widersprechen jedoch sowohl seine eigenen Argumente als auch das tägliche Erleben. Wenn die kulturelle Identität die Stärke eines jeden Menschen ist, die Rückhalt gibt und ihn mit dem Nächsten, mit der Umgebung und mit der Welt verbindet, ihm Mut zu familiären, gemeinschaftlichen, politischen Beziehungen verleiht und dem Widerstand der Seinen laut Ausdruck zu verleihen, dann ist die schlimmste Anfeindung, sich ausgerechnet darüber lustig zu machen und diese Stärke der Kultur des Ärmsten zu ignorieren. Wer das Recht auf Kultur, vor allem auf Alphabetisierung und Erinnerung, leugnet, trocknet die Quellen der Menschlichkeit aus, nimmt den Menschen die Hoffnung und besiegelt die Verkettung der Notlagen durch ein Elend ohne Ausweg. Der kulturell arme, systematisch „entkulturisierte“ Mensch ist unsichtbar und bedeutungslos für die Welt. Sein zerbröckeltes Wissen nützt nichts und erinnert ständig an die Scham des Ausgeschlossenseins. Wissen ist, wie Père Joseph treffend sagt, die Fähigkeit, „an dem teilzuhaben, was die andern tun und sind“. Das erinnert mich an Menschen, die in Burkina Faso und anderswo Alphabetisierungskurse besuchen. Weil sie zu arm sind, eine richtige Uhr zu besitzen, lernen sie mit einem Papierzifferblatt, die Zeit zu lesen. Wenig später, mittellos, vergessen sie, was ihnen wie in einem Schaufenster präsentiert worden ist, bald wieder und sind noch mehr gedemütigt als vorher. Deshalb sind die kulturellen Rechte unter allen Menschenrechten besonders unterentwickelt ; denn ihre Opfer sind ohne Stimme, stumm, da ihnen das Wort im Hals stecken bleibt. Mehr noch : wenn Armut uns Angst macht, wenn die Hilflosigkeit gegenüber diesem Problem uns beschämt, dann deshalb, weil sie uns mit jener „kulturellen Leere“ konfrontiert, die die fundamentalste und empörendste ist. Würde es reichen, mit Brot, Geld oder auch Zeit diese Leere auszufüllen, dann bestünde das Problem kaum, denn unserer Gesellschaft fehlt es weder an Gütern noch an gutem Willen. Sie kennt die Auswege nur allzu gut, aber es fehlt ihr an Bewusstsein. Die allgemeine Furcht vor dem Fremden vermehrt sich, wenn der Andere arm ist, denn er stellt eine fremde Kultur dar, die - unbewusst - als feindlich wahrgenommen wird ; den anderen in seiner Fremdheit anzunehmen würde hingegen zur Destabilisierung führen, zur Infragestellung aller etablierten Unordnungen in den Institutionen wie in uns selbst. Die Kultur der Bevölkerungen, die in großer Armut leben, führt uns unserepersönliche Ignoranz vor Augen. Die Unregelmäßigkeit des Lebens im benachteiligten Milieu als Folge jener "Entkulturisierung", die jede Beherrschung von Zeit und Raum unmöglicht macht, „spiegelt die Unverbindlichkeit der Verpflichtungen wieder, welche die Gesellschaften dieser Bevölkerung gegenüber eingehen“ [3], schreibt Père Joseph. Welch tiefes Verständnis der nachhaltigen Entwicklung ! Unsere Gesellschaften sind unfähig geworden, Nachhaltigkeit zu garantieren, weil sie die kulturelle Entwicklung unterschätzen, die doch der erste Faktor und ein notwendiges Element der Kontinuität ist. Die Ärmsten sind Zeugen dieser Ohnmacht : sie machen Angst, weil sie auf die Komplexität und auf die Kultur verweisen.

Die erlaubte Tötung ...

Wie seinerzeit Camus in „L’Homme révolté“, zeigte auch Père Joseph die metaphysische Dimension des Engagements der Armen : „Die Ärmsten wissen in ihrem Innern, dass der Kampf, den sie Tag für Tag führen, in Wahrheit der Kampf der gesamten Menschheit gegen große Armut und Ausgrenzung ist. Sie wissen, dass ihr Kampf nicht nur sie betrifft, sondern in Wahrheit alle Menschen herausfordert.“ Nicht jeder wird eines Tages in soziale und finanzielle Not geraten, denn manche Begünstigungen sind gut abgesichert, aber jeder kann sich eines Tages durch Krankheit, Tod oder Verrat im Zustand der Schande befinden. Das ist auch die Lehre des Holocaust, jener brutalen Version systematischer Ausgrenzung, deren Gedenken und Verstehen für die ganze Menschheit bedeutsam ist. Die schleichende Ausgrenzung der ärmsten Personen, Familien und Gemeinschaften in aller Welt, die erlaubte Tötung durch ständige kulturelle Demütigung und Beeinträchtigung, verlangt nach der gleichen Aufmerksamkeit wie die Genozide in der Welt. Sie verlangt nach der Tiefgründigkeit der Kultur : nach Spiritualität. Fünf Verbote, werden nach der Analyse von Pere Joseph den Familien der Vierten Welt auferlegt, nämlich das Verbot von Familie, Arbeit, Bürgerschaft, Geschichte und Spiritualität. Sie veranschaulichen die Gesamtheit der Menschenrechte, wobei die Kultur (das Gedächtnis, das Spirituelle) das Blickfeld bestimmt.Im Kampf gegen diese Verbote ist das Verbot der Spiritualität die am tieften verankerte und darüber hinaus auch delikateste Schranke. "Du sollst nicht töten.“Dieses umfassende Gebot, das jede Gesellschaft begründet, beinhaltet nicht nur das Verbot des physischen Mordes, sondern führt zur Offenlegung unseres gemeinsamen Menschseins.

Die Kraft des entstellten Wortes

Jetzt sollte auf den Zusammenhang zwischen Geistigen und Kulturellen eingegangen werden. Der Einsatz von Joseph Wresinski war an keine Konfession gebunden, lässt er sich aber von seiner Berufung als Priester trennen ? War es nicht Wresinski, der die Kraft des entstellten Wortes in den Körpern erahnte, dieses Wort als Frohe Botschaft verstand und aufnahm und die Gründung einer Bewegung anreizte um es weiterzutragen als Botschaft eines neuen sozialen Verbands ? Der christliche Glaube hat als Verständnishilfe das Vertrauen in das menschliche Wort unterstützt. Gewiss, Kultur lässt sich nicht auf Religion reduzieren. Ohne Zweifel kann das Geistige jene Erfahrung der Begegnung des Antlitzes des Fremden ausdrücken ; jenes Antlitz, das uns zutiefst in Frage stellt und unsere erstaunliche Nähe in der unermesslichen Vielfalt der Kulturen und Situationen sichtbar werden lässt. Diese Nähe ist indessen nicht leicht zu ertragen, sie nimmt uns unendlich in die Pflicht ; sie zwingt uns unerbittlich und ohne Ausrede, gegenüber dem Bösen Stellung zu nehmen : wenn die Hoffnung auch immer lebendig ist, bleibt auch das Schlimmste jederzeit möglich, die Unmenschlichkeit verbirgt sich hinter Angst und Scham. Kurzum, das Geistige ist in dieser Hinsicht nichts anderes als das Fundament des Kulturellen.

Nur die Beobachtung und die Beachtung der kulturellen Rechte verschaffen den Zugang zu den drei Kreisen, von denen Père Joseph spricht : Scham, Auflehnung und Begegnung. Um die Scham nachzuempfinden, muss man die Verletzungen der kulturellen Rechte und die subtilen Formen des Verbots der Kultur beobachten. Um die Auflehnung zu verstehen, muss man die Widerstandskräfte beobachten, durch die sich die unverletzliche Würde behauptet. Bei der Gestaltung politischer Maßnahmen, die bei der Kultur ansetzen, um den Menschenrechten Geltung zu verschaffen und damit die Demokratie zu fördern, muss man ebenfalls beobachten, um die Fähigkeiten zur Begegnung auszumachen.

Hieraus ergibt sich die Bedeutungsfülle des Wortes „beobachten“.
- aus der Entfernung betrachten, um die Komplexität zu erfassen
- Werte und die Rechte in denen sie sich äußern achten, in einer ständigen Interpretations- und Aneignungsarbeit (wobei sich die Blicke der Beteiligten kreuzen und ihre Gesichtspunkte verbinden) Wir finden diese beiden Seiten des Aktes des Beobachtens im großen jüdischen Gebet „Schema Israël“ : das hebräische Verb bedeutet gleichzeitig „höre“ (den Ewigen) und „beobachte“ (seine Gebote). Sammlung ist die der Beobachtung eines Menschenrechts und besonders eines kulturellen Rechts, angemessene Haltung, denn es geht vor allem darum, das Zeugnis einzuholen. Ohne das Sammeln von Zeugnissen, können wir uns keine Vorstellung machen von der Komplexität, der Tiefe aber auch der Widerstandskraft der auf dem Spiel stehenden menschlichen Fähigkeiten.

Das Recht auf Verständigung

Kultur ist,wie die menschliche Haut, die Aussenseite, die ich dem Gegenüber vorgezeige, mittels derer ich ihn wahrnehme, zugleich oberflächlich und tiefgründig. Wer seine Wahrnehmungsfähigkeit, Gesicht, Sinne und Körpersprache, durch Bildung und Kunst geschärft hat, ist kultiviert. Kultur gilt als oberflächliche Hülle und bleibt deshalb von der öffentlichen Gewalt ungewürdigt.. In Wirklichkeit ist sie Maßstab und Voraussetzung für Kommunikation und Teilhabe. Das Recht auf Kultur verwirklicht sich über die Aneignung von sinnstiftenden Gegenständen : Kleider, Bücher, Mahlzeiten, Häuser, Blumen usw. Einem Antlitz gleich wird ein solches Kulturprodukt nicht nur angeschaut, es rüttelt auf ; es beflügelt die Sinne, als wäre es bereits von Blicken, Gesten und Gedanken zerfurcht : es verweist auf andere Absichten, andere Intimitäten, es bricht die Lackschicht der äusseren Erscheinung auf.

Pascale, eine Verantwortliche von ATD Vierte Welt in Brüssel, sagte, dass die Armen solange arm bleiben, als sie nur armselige Gegenstände besitzen. Kulturelles Schaffen besteht darin, Reichtum dort einzubringen, wo er entscheidend ist, nämlich in die innige und möglichst alltägliche Geste : ein treffendes Wort für Mund und Ohr zu finden, der Hand einen Gegenstand, der zum Kunstwerk wird, den Augen Bilder zu schenken, die wahrnehmen lehren. Kultur des Worts, Kultur des Objekts, Kultur der Gegenseitigkeit : Jeder Gedanke, jede großzügige Geste gelangt, einem Kind gleich, nur durch die Vermittlung zwischen Sprache und Objekt zur eigenen Vervollkommnung. Die kulturellen Rechte führen zur Teilhabe an Gegenseitigkeit und Verständigung. Sie sind zugleich materiell und geistig.

Eine Definition von Spiritualität

Ein kultureller Akteur dieser Gedankenschärfe rüttelt auf. Er offenbart gleichzeitig Scham und Freude. Deshalb wird er in zwei Richtungen gedrängt : entweder in die Kulturinstitution, um in einer amtlichen und unverwehrten „Nationalkultur“ aufzugehen, oder in eine Alternativkultur, die als solche ebenfalls zugelassen ist. Beide Optionen schränken die kreative Schaffenskraft ein. Kulturelles Wirken müsste überall sein. Der Schaffensprozess beschränkt sich für einen kulturellen Akteur nicht nur auf das Werk, der Prozess ist auch sozialer Natur : Akteur und Werk müssen die „soziale Durchdringung“ bestehen, den Beweis erbringen, dass Kunst glücklich macht, denn die Armen und die Ausgeschlossenen, aber auch alle "Entkulturisierten", bedürfen seiner und haben ein Recht auf die Frucht seiner Arbeit. Ein kultureller Akteur ist ein "Wortführer", ein Dramatiker, der das tägliche Leben inszeniert und nicht nur dem Schauspieler auf der Bühne oder auf der Leinwand, sondern auch Tausenden von Zuschauern ihre Ausdrucksmöglichkeiten aufzeigt. Wenn sich der kulturelle Akteur dieser sozialen Logik verweigert, hat er nicht verinnerlicht, dass Kulturschaffen das Fundament jeder nachhaltigen Entwicklung ist. Wenn Père Joseph meint, dass „das Atelier für schöpferisches Lernen und Gestalten das Herzstück der Befreiung eines ganzen Volkes ist“, dann gerade deshalb, weil dieses Projekt nicht nur ein kreativer Freiraum für eine „Unterklasse“ ist, sondern ein Ort der Begegnung und der Veränderung für unsere gesamte Gesellschaft. Kulturarbeit ist Begegnung und Durchdringung, der Schaffensprozess allein ist Zuversicht.

Es ist höchste Zeit, diese Gegenseitigkeit in den Mittelpunkt der Politik und damit der Öffentlichkeit zu stellen. Kulturelle Akteure sind sehr viel mächtiger als sie glauben. Sie offenbaren tausend Worte, können sich in öffentlichen Räumen ausdrücken und bereichern durch Worte, Bilder, Klänge und Objekte unser soziales Leben. Der kulturelle Akteur oder „Sozialkünstler“ ist Schöpfer gemeinsamer Aktion (Kommunikation) : er ist nicht nur Träger, sondern Schöpfer von Botschaften ; er versetzt Menschen in die Lage, lesen zu lernen und Schmerz und Freude, Auflehnung und Hoffnung zu veräußerlichen. Er kann zum einzigen echten Frieden beitragen, jenem Frieden, der es ermöglicht, sich nachhaltig und mit der nötigen Heiterkeit aufzulehnen, zu jenem Frieden, der aus der Teilhabe eines Überfluss an Kontemplation entsteht. Betrachten und Sammeln des Einzigartigen in der kulturellen Vielfalt. Das wäre eine mögliche Definition von Spiritualität.

[1] Culture et grande pauvreté, Cahier Wresinski N° 7, Editions Quart Monde, Paris 2004, S. 15.

[2] Culture et grande pauvreté, S. 40

[3] Culture et grande pauvreté, S. 37